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B Die Zigaretten Fabrik J. Garbáty Hadlichstraße/Berliner Straße

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Von der Berliner Straße etwas abgesetzt, gleich hinter dem ehemaligen Waisenhaus, liegen die Gebäude der alten Zigerattenfabrik, gebaut zwischen 1906 und 1930 von der Familie Garbaty. Besonders beliebt war die Marke „Königin von Saba“ mit dem Konterfei des jungen Josef Garbáty-Rosenthal auf der Zigarettenschachtel. Fast 1600 Betriebsangehörigen bot die Fabrik in den schweren Jahren der großen Weltwirtschaftskrise einen Arbeitsplatz. Die Arbeitsbedingungen bei Garbaty waren zudem aussergewöhnlich gut, und das daneben liegende Waisenhaus ist von der Familie stets großzügig finanziell unterstützt worden. Die Nazi-Verordnungen zur „Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“ von Ende 1938 trafen die Familie hart. Die Garbátys wurden zum Verkauf gezwungen, was in der Regel weit unter dem Unternehmenswert geschah. 1939 emigrierten sie schließlich in die USA.

Bild 1 – Cigaretten-Fabrik Joseph Garbaty, um 1910 (Quelle: www.ansichtskarten-pankow.de)
Bild 1 – Cigaretten-Fabrik Joseph Garbaty, um 1910 (Quelle: www.ansichtskarten-pankow.de)
Bild 2 – Fabrikansicht 1916 (Quelle: www.ansichtskarten-pankow.de)
Bild 2 – Fabrikansicht 1916 (Quelle: www.ansichtskarten-pankow.de)
Bild 3 – Garbáty Zigaretten Marke „Königin von Saba“ (Quelle: www.ansichtskarten-pankow.de)
Bild 3 – Garbáty Zigaretten Marke „Königin von Saba“ (Quelle: www.ansichtskarten-pankow.de)
Bild 4 - Kartonagensaal der Garbaty Fabrik 1916 (Quelle: www.ansichtskarten-pankow.de)
Bild 4 - Kartonagensaal der Garbaty Fabrik 1916 (Quelle: www.ansichtskarten-pankow.de)
Bild 5 - Banderoliersaal der Garbatyfabrik 1916 (Quelle: www.ansichtskarten-pankow.de)
Bild 5 - Banderoliersaal der Garbatyfabrik 1916 (Quelle: www.ansichtskarten-pankow.de)

Info

Unter den wenigen jüdischen Großbetrieben, die in Pankow angesiedelt waren, nahm die Zigarettenfabrik Garbáty einen besonderen Platz ein. Schon 1875 begann Mordecai Max Garbáty-Rosenthal mit der Herstellung von Zigaretten in Hand- und Heimarbeit. Sein Sohn Josef und dessen Frau Rosa Rahel wurden zu Begründern der Firma Garbáty und errichteten 1890 ihren ersten Betrieb in der Schönhauser Allee 143 mit etwa 60 Handarbeiterinnen und Handarbeitern.

Mit der Nutzung von Tabakschneidemaschinen und Gasmotoren als Antriebsaggregate begann die mechanische Zigarettenherstellung in der Schönhauser Allee 56. Nach dem Eintritt der beiden Söhne in das Geschäft entwickelte sich, durch modernere Technik gefördert, der Umfang der Produktion, nunmehr mit etwa 200 Handarbeitern sowie kaufmännischem und technischem Personal. 1906 übersiedelte der Betrieb nach Pankow, wo in der Hadlichstraße ein eigenes Fabrikgebäude entstand. Mit fortschreitender Mechanisierung des Betriebs wuchs die Zigarettenproduktion beständig an. Besonders beliebt war die Marke „Königin von Saba“ mit dem Konterfei des jungen Josef Garbáty-Rosenthal auf der Zigarettenschachtel.

Bereits bei der Anlage der Firmengebäude vorgesehen waren umfangreiche Sozialräume, wie Betriebskantine, Pausenräume, Bäder, eine Betriebswäscherei und eine Betriebsbibliothek. Die Arbeiter bei Garbáty hatten außerdem eine Betriebszeitung, eine Arbeitslosenfürsorge, einen Werkchor und einen Betriebssportclub.

Im Jahre 1918, neun Jahre vor Einführung der staatlichen Arbeitslosenversicherung, waren die 1000 Angestellten des Unternehmens bereits arbeitslosenversichert. Ab 1908 wurden Frühstück und Mittag in der Kantine angeboten. Das Unternehmen veranstaltete für seine Beschäftigten noch bis in die 1930er Jahre hinein regelmäßige Bälle, so den Alpenball oder den Kirmesball, jeweils im Februar im Deutschen Hof. Für Leistungen aus der Betriebskantine wurde mit Garbátys (Kantinengeld) bezahlt.

1912 wurden auf dem großen Gelände in der Berliner Straße ein zweites Fabrikgebäude mit Arbeitsplätzen für 1000 Arbeiterinnen, Arbeiter und Angestellte und dahinter ein großes Tabak-Lagergebäude errichtet. 1929 zog sich Josef Garbáty-Rosenthal aus der Firma zurück. Unter Leitung der Söhne Eugen L. Und Moritz wurde der Betrieb zur Garbáty Cigarettenfabrik GmbH, und ein drittes Fabrikgebäude entstand 1930. Fast 1600 Betriebsangehörigen bot Garbáty in den schweren Jahren der großen Weltwirtschaftskrise einen Arbeitsplatz. Vorbildliche hygienische und soziale Bedingungen wurden dem Unternehmen bescheinigt, und das daneben liegende Waisenhaus ist von der Familie Garbáty stets großzügig finanziell unterstützt worden.

Die Nazi-Verordnungen zur „Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“ von Ende 1938 trafen die Familie hart. Sie wurde zum Verkauf, zur sogenannten Arisierung ihres gesamten Eigentums − des 45 784 qm umfassenden Grund und Bodens sowie sämtlicher Fabrikgebäude wie auch ihres Wohnhauses, der Villa in der Berliner Straße 126/7 − gezwungen. Eugen L. und Moritz wanderten 1939 mit ihren Familien nach Amerika aus; im gleichen Jahr verstarb ihr Vater, der Firmengründer Josef Garbáty-Rosenthal in Berlin. Auf dem Gelände entstand die Wohnanlage „Garbáty-Höfe“. Der Vorplatz des S- & U-Bahnhofs Pankow wurde ab 2001 in Garbáty-Platz umbenannt, eine Gedenkplatte in den Boden eingelassen und ein Gedenkzeichen aufgestellt.

[Quelle] Inge Lammel: Jüdische Lebensbilder aus Pankow – Familien, Lebensläufe, Kurzportraits. 1996. Edition Hentrich, Berlin

[Quelle] „Das Jüdische Waisenhaus in Pankow“ – Verein der Förderer und Freunde des ehemaligen Jüdischen Waisenhauses in Pankow e.V. 2001.